Die Erzählerin
Hedda Sonntag
- Alter
- 13
- Im Fundbüro
- seit zwei Jahren, dienstags und donnerstags, 14 bis 18 Uhr
- Erkennt man an
- dem Ringbuch. Sie hat es immer dabei.
- Kann
- fünf Kilometer laufen. Macht es nur nie freiwillig.
- Schwäche
- vergisst die Zeit, wenn sie etwas ansieht
Hedda stellt die Fragen, die sonst keiner stellt. Nicht laut und nicht, um recht zu haben, sondern weil sie wissen will, wie etwas zusammenhängt. Wo andere sagen „ist halt so“, fragt sie: warum eigentlich? Und dann schreibt sie die Antwort auf. Sie schreibt jeden Tag etwas in ihr Ringbuch, auch an Tagen, an denen nichts passiert — und auch das, was gerade nicht wichtig aussieht, weil sie vorher nie weiß, was es wird.
Sie fragt nicht, wer schuld ist, sondern was man jetzt machen kann. Und sie hört nicht auf zu fragen, wenn eine Antwort ungenau war. Das ist ihre beste Eigenschaft und ihre teuerste: Sie hakt nach, bis es jemandem weh tut, und merkt es eine Sekunde zu spät.
Bei Dingen ist sie sehr gut. Aus einem zerkratzten Kasten liest sie einen ganzen Menschen. Bei Menschen kommt sie mit derselben Methode kein Stück weiter, und das ärgert sie mehr, als sie zugibt.
Schnell ist sie trotzdem. Sie kommt eine Treppe hoch, ohne zu schnaufen, und wenn es sein muss, rennt sie durch die ganze Bahnhofshalle. Sie würde nur nie auf die Idee kommen, das Sport zu nennen.
Wenn sie etwas ansieht, vergisst sie die Zeit. Sie kann fünfunddreißig Minuten auf einem Kellerboden sitzen und hinterher nicht sagen, wo sie waren. Ihre Mutter nennt das weg sein, und es ist der Grund für die meisten Diskussionen beim Abendessen.
Sie hat nicht viele Freunde, aber gute. In der Klasse mögen sie die meisten, nur eng befreundet ist kaum jemand mit ihr. Hedda findet das nicht schlimm. Sie ist lieber mit wenigen Leuten richtig befreundet als mit allen ein bisschen.
Was sie einmal werden will, weiß sie noch nicht. Sie weiß nur, worin sie gut werden will: aus vielen kleinen Hinweisen ein Bild machen. Dafür ist das Fundbüro der beste Übungsplatz, den sie kennt. Jedes Mal ein bisschen besser. Perfekt muss es nicht sein. Es muss nur stimmen.
„Bei Sachen weiß ich, was ein Hinweis ist und was Zufall. Bei Menschen habe ich das noch kein einziges Mal gewusst.“
