Mein Ringbuch · Donnerstag, 5. Mai
Der Kasten kam an einem Donnerstag um zehn nach zwei, und er war zu leicht.
Das merkt man sofort, wenn man zwei Jahre lang Sachen ins Regal hebt. Ein Koffer voller Kleidung zieht einem den Arm nach unten. Eine Sporttasche schwingt und will dahin, wo man nicht hinwill. Ein Cellokasten müsste sich anfühlen wie ein schlafendes Tier, das man tragen muss, ob es will oder nicht.
Dieser hier war ein Cellokasten.
Er fühlte sich an wie eine Pappschachtel.
Ich bin dienstags und donnerstags hier, von zwei bis sechs. Das Fundbüro Hallern liegt im Untergeschoss, Gang B, hinter einer Tür ohne Fenster, und wer hier herunterkommt, hat entweder etwas verloren oder sich verlaufen. Es gibt einen Tresen, eine Klingel, die man im ganzen Gang hört, und dahinter zwölf Regale bis zur Decke. Über uns ist der Bahnhof. Wenn oben ein Zug einfährt, zittert der Boden ein bisschen.
Um Viertel nach zwei hätte ich woanders sein können. Juli hatte in der sechsten Stunde gefragt, ob ich mitkomme, irgendwas mit dem neuen Laden in der Fußgängerzone, und ich hatte gesagt, ich kann nicht, ich habe Dienst. Ich sage das so, als wäre es eine Pflicht. Es ist keine.
Frau Sabo hatte den Kasten quer über den Tresen gelegt, so wie sie alles ablegt, in einer einzigen Bewegung, weil sie in elf Minuten wieder oben sein musste. Sie ist Zugbegleiterin und bringt uns, was die Leute in den Zügen liegen lassen. Meistens kommt sie abends, mit zwei Taschen voll Regenschirmen. Diesmal kam sie am Nachmittag, und sie war schlechter Laune.
„Der stand seit März in der Mission“, sagte sie. „Zwei Monate. Zwischen den Decken, die sie da ausgeben. Kein Mensch hat gemerkt, dass er da nicht hingehört.“
„Zwei Monate“, sagte ich.
„Frag nicht mich.“ Sie zog den Reißverschluss ihrer Jacke hoch, obwohl es hier unten nie kalt ist. „Ich bring das Zeug nur runter.“
Die Mission ist oben in der Halle, zwei Türen neben dem Kiosk. Dort bekommt man Kaffee und eine Decke, wenn man keine hat. Der Kasten hat also zwei Monate lang ein Stockwerk über mir gestanden.
Kessler zog den Kasten zu sich, ohne aufzustehen. Kessler steht selten auf. Er ist neunundsechzig und leitet das Fundbüro seit vierzig Jahren, und er hat in dieser Zeit gelernt, wie man sich nicht bewegt. Er trägt einen grauen Kittel, eine Lesebrille an einer Schnur und einen Kugelschreiber hinterm Ohr, auch dann, wenn er einen anderen in der Hand hat.
„Zug?“
„Vierundvierzig zwölf. Wagen drei. Der Kollege sagt, Sitz einundsechzig, aber der Kollege sagt vieles.“
Kessler schrieb es in das Buch. Erst das Datum, dann den Zug, dann die Nummer. Nullhundertsiebenundvierzig. Dann den Zustand, in vier Wörtern, wie immer: abgestoßen, Delle unten rechts. Vier Wörter reichen ihm für alles. Ich habe ihn einmal gefragt, warum nicht fünf, und er hat gesagt, fünf sind eine Meinung.
Er klebte das Etikett auf den Deckel, oben rechts, wo es immer hinkommt, und schob mir den Kasten hin, damit ich ihn ins Regal trage.
Ich hob ihn hoch und stellte ihn wieder ab.
„Der ist leer“, sagte ich.
„Nummer zuerst“, sagte Kessler. „Meinung später.“
Frau Sabo war schon an der Tür. Ich fragte trotzdem.
„Hat jemand nach einem Cello gefragt? Oben, am Schalter?“
Sie zuckte mit den Schultern und war weg, und ihre Schritte wurden schnell, sobald sie im Gang war. Frau Sabo erzählt gern, aber nur bis zu ihrer Kaffeepause, und die hatte offenbar schon angefangen.
Kessler blätterte zurück. Weit zurück, bis in den März. Dann fuhr er mit dem Finger die Spalte hinunter, in der die Suchaufträge stehen. Das ist die schmale Spalte rechts neben der Nummer, und dort steht, wer nach etwas gefragt hat. Leute, die anrufen. Leute, die schreiben. Leute, die zweimal am Tag kommen und fragen, ob heute vielleicht. Bei manchen Nummern steht dort so viel, dass Kessler am Rand weiterschreiben muss.
Eine Seite, noch eine Seite, dann hörte er auf.
„Steht in keinem Suchauftrag“, sagte er.
Ich schrieb das in mein Ringbuch, weil ich alles aufschreibe, und weil dieser Satz nicht stimmen konnte. Ein Cello kostet mehr als das Auto meiner Mutter. Meine Mutter fährt Straßenbahn, Linie vier, und ihr eigenes Auto ist siebzehn Jahre alt und hat an der Beifahrertür eine Farbe, die nicht zum Rest passt. Wer ein Cello im Zug stehen lässt, ruft an, bevor der Zug überhaupt im Bahnhof ist. Und wenn er nicht anruft, dann kommt er. Und wenn er nicht kommt, schickt er jemanden.
Seit zwei Monaten hatte niemand angerufen.
Ich stand mit dem Kasten in der Hand da und merkte, dass ich ihn nicht ins Regal tragen wollte, jedenfalls nicht sofort. Das ist keine gute Eigenschaft in einem Fundbüro. Hier gibt es einen Platz für alles, und der Platz ist der Sinn der Sache.
„Hedda.“
„Ja.“
„Regal vier“, sagte Kessler. „Fach B.“
Ich ging in den Gang zwischen Regal drei und vier und stellte ihn hinein, mit dem Etikett nach vorn, so wie es sich gehört. Dann blieb ich davor stehen und schaute ihn an, und er stand da und war zu leicht, und niemand auf der Welt hatte gefragt, wo er ist.
— weiter im Buch —